Diagnostikinformation: Patienten mit MRSA-Besiedlung
Definition „Besiedlung"Kolonisation von Haut und/ oder Schleimhaut eines Menschen mit Bakterien, wobei sich die Bakterien vermehren; es kommt aber weder zu einer Entzündung noch zu einer Immunreaktion.
Epidemiologie
Weltweit stellen MRSA-Infektionen ein großes medizinisches Problem dar, dabei gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Ländern, aber auch innerhalb eines Landes.
Bisher handelte es sich überwiegend um nosokomiale Infektionen, in zunehmendem Maße werden aber auch bei Patienten im ambulanten Bereich MRSA-Stämme nachgewiesen.
Ätiologie
· 1990 machten MRSA in Deutschland 1,7 % der S.aureus-Stämme aus, 1998 waren es 15,2 % und 2011 durchschnittlich 21,9 %. Die Tendenz ist also steigend. Es gibt aber große regionale Unterschiede.
· MRSA-Stämme sind nicht nur gegenüber allen b-Laktam-Antibiotika (Penicilline, Cephalosporine, Carbapeneme) resistent, sondern in der Regel auch gegenüber verschiedenen anderen Antibiotika (Multiresistenz),
· MRSA-Stämme sind sehr widerstandsfähig gegenüber Wärme und Trockenheit, sie können in der unbelebten Umgebung über Monate lebensfähig bleiben.
Pathogenese
Keimquellen
· Patienten
MRSA-Keimquellen in der Klinik sind vor allem die mit diesen Erregern besiedelten bzw. infizierten Patienten. Risikofaktoren für eine Besiedlung mit MRSA sind u.a.: kürzlicher stationärer Aufenthalt, kürzliche Therapie mit Antibiotika, längerer Klinikaufenthalt, häufiger Kontakt mit einer medizinischen Einrichtung, ZVK, Tracheostoma, mehrfache chirurgische Eingriffe, Diabetes mellitus, Durchblutungsstörungen.· Krankenhauspersonal
Mitarbeiter der Kliniken können auch die Keimquelle für Infektionen der Patienten sein.Besiedlungsorte, -dauer
MRSA lassen sich vor allem in der Nase (natürliches Reservoir für S.aureus beim Menschen), aber auch im Rachen, am Perineum, in Atemwegs- und Wundsekreten, in den Axillen sowie an der Stirn-Haar-Grenze nachweisen. Von diesen Orten ausgehend können weitere Körperregionen besiedelt werden; Man unterscheidet zwischen transitorischer (nur kurze Zeit) und persistierender Besiedlung (Monate bis Jahre).
Übertragung
Wichtigster Übertragungsweg ist der direkte Kontakt,
Wichtigste Übertragungsvektoren sind die Hände, evtl. auch aerogene Übertragung, z. B. beim Absaugen oder Bettenmachen,
Auf Gesunde können MRSA übertragen werden, es besteht aber kein Infektionsrisiko.
Klinische Bedeutung
Die Besiedlung mit MRSA ist nicht nur eine Voraussetzung für die Entstehung einer MRSA-Infektion, sondern stellt gleichzeitig eine Keimquelle für die weitere Verbreitung dieser Erreger dar.
Diagnostik
Ein korrekter und vor allem frühzeitiger Nachweis eines MRSA-Stammes ist eine wichtige Voraussetzung dafür, eine weitere Ausbreitung dieses Erregers zu verhindern.
Abstrichorte
Der Nasenabstrich ist am wichtigsten, durch zusätzliche Abstriche (Rachen, Inguinalregion, Perineum, evtl. Wunden) erhöht sich die Nachweisrate (bei manchen Patienten ist der Nasenabstrich negativ und der Rachenabstrich positiv).
Surveillance
Jeder Nachweis eines MRSA-Stammes wird vom Labor sofort dem Einsender telefonisch mitgeteilt.
Maßnahmen zur MRSA-Eradikation
Durch Reduktion der Besiedlungsrate kommt es zu einer Senkung der Infektionsrate mit Einsparung von Antibiotika und damit zu einer Kostenreduktion. Bei MRSA-Besiedlung eines Patienten sollte die Eradikation der Erreger angestrebt werden.
Nasenbesiedlung
Die Applikation von Mupirocin-Nasensalbe (dreimal tägl. für 5 Tage) wird empfohlen, bei erfolglosem Eradikationsversuch (Mupirocin-Resistenz? Rekolonisierung der Nase aus dem Rachen oder einer anderen Lokalisation?) evtl. lokale Applikation eines Polyvidon-Jod-Präparates; auch Octenidin sowie Bacitracin wurden eingesetzt.
Rachenbesiedlung
Eine Rachenbesiedlung mit MRSA kann eine Eradikation schwierig oder unmöglich machen; zusätzlich zur Sanierung evtl. vorhandener Zahnprothesen kann ein antiseptischer Rachenspray oder eine Gurgellösung eingesetzt werden.
Besiedlung von Hautläsionen und Wunden
Es liegen Erfahrungen mit Mupirocin, PVP-Jod-Präparaten, „Lavasept" und verschiedenen anderen Lokalantibiotika (Neomycin, Polymyxin B, Bacitracin) bzw. Antiseptika (z.B. Octenidin) vor, auch Gentianaviolett wurde eingesetzt, in manchen Fällen von kolonisierten Wunden kommt eine chirurgische Sanierung in Betracht.
Körperwaschung
Als zusätzliche Maßnahme sollte unbedingt bei intakter Haut eine tägliche Körperwaschung (einschl. der Haare) mit antiseptischer Seife (Chlorhexidin, „Skinsan scrub", PVP-Jod) in Betracht gezogen werden.
Maßnahmen zur Verhinderung einer Rekolonisierung
· Täglicher Wechsel von Bettwäsche, Bekleidung, Körperpflege-Utensilien,
· Persönliche Gegenstände (Brille, Zahnbürste, Rasierer) werden desinfiziert bzw. ausgetauscht.Prävention im häuslichen Mileu
Es kommt vor, dass Patienten mit asymptomatischer MRSA-Besiedlung in Nase, Rachen, Wunde oder auf der Haut nach Hause entlassen werden. Ohne die Belastungen und Selektionsbedingungen des Klinikmilieus (z. B. Antibiotikatherapie, invasive Maßnahmen) verlieren sich die MRSA im häuslichen Milieu meistens sehr schnell. Das Ansteckungsrisiko für Angehörige eines solchen MRSA-Trägers ist erfahrungsgemäß gering. Durch Kuss oder Körperkontakte kann es aber vereinzelt zu einer passageren Kolonisierung eines Familienmitgliedes kommen. Gefährdet durch eine Infektion sind dabei in der Regel nur Personen mit offenen Wunden oder Hautläsionen, da Staphylokokken pathologisch veränderte Hautoberflächen sehr schnell und über längere Zeit besiedeln können. Hier ist eine Distanzierung von MRSA-Trägern bis zum Ausschluss seines Trägertums mittels Untersuchung von Nasen-, Rachenabstrichen und Wunden geboten.
Problematisch sind MRSA-besiedelte diabetische Ulcera. Eine Sanierung ist hier meist nicht möglich und ein Mindestprogramm zur Distanzierung zu den häuslichen Kontaktpersonen sollte durchgeführt werden (Verbandswechsel mit Handschuhen, Desinfektion der Hände nach Verbandswechsel, Verbandstoffe und kontaminierte Kleidungsstücke sofort entsorgen bzw. desinfizierend waschen).
Ein gewisses Risiko durch MRSA besteht auch für stark immunsupprimierte Personen - auch hier ist eine Distanzierung von MRSA-Trägern geboten. Sanierungsversuche mit Mupirocin-Nasensalbe, Rachendesinfizienzien und antiseptischen Bädern von Patienten oder kontaminierten Angehörigen, die selbst in einem stationären Bereich tätig sind, sollten vom Hausarzt veranlasst werden.
Für Schwangere und die Frucht besteht zunächst keine Gefahr, da die Staphylokokken nicht die Plazentaschranke passieren. Es empfiehlt sich aber, bei bekanntem MRSA-Trägertum der Schwangeren nach Eintritt des Mutterschutzes Abstriche aus dem Genitalbereich zu entnehmen. In diesem Bereich werden MRSA erfahrungsgemäß äußerst selten isoliert. Bei etwaigem Nachweis von MRSA ist eine Sanierung im lokalen Bereich und im Nasen-Rachenraum noch vor der Entbindung ratsam, da es zu Wundinfektionen oder Besiedlung des Neugeborenen kommen könnte. Die Schwangere sollte sich im Zeitraum des Trägertums sorgfältig die Hände desinfizieren.
Prävention im ambulanten Pflegebereich
Bis auf Einzelfälle handelt es sich bei den „ambulanten" MRSA außerhalb der klinischen Einrichtung um Epidemiestämme, die bei Krankenhausaufenthalten erworben wurden und längere Zeit bei den Patienten als Besiedler persistieren. Der weiterbehandelnde Hausarzt sollte den zuständigen Pflegedienst über den Trägerstatus weiter informieren. Es gilt dann für das Pflegepersonal auch hier, die Weiterverbreitung der Keime auf andere Patienten durch direkten Kontakt zu vermeiden. Das bedeutet auch hier hygienische Händedesinfektion vor und nach jeder Tätigkeit am Patienten mit Körperkontakt, möglichst bei allen Patienten, unbedingt aber bei bekannten MRSA-Trägern. Weiterhin sind Einmalhandschuhe und patientengebundene Schutzkittel bei der Versorgung von Wunden, Tracheostomata, Kathetern und Sonden oder bei anderweitigem Kontakt mit Körpersekreten oder -ausscheidungen zu tragen. Zur Verhinderung der Nasenbesiedlung des Personals durch Aerosole oder Staubpartikel empfiehlt sich bei Tracheostomapflege und Bettenmachen das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes. Pflegehilfsmittel sollten patientengebunden verwendet oder nach Gebrauch gründlich desinfiziert werden. Es wird empfohlen, die Leib- und Bettwäsche sowie Handtücher in der Waschmaschine bei mindestens 60 °C mit einem Vollwaschmittel zu waschen und Papiertaschentücher zu verwenden (dies gilt auch für den häuslichen Bereich).
Eradikationskontrolle
Eine Eradikation gilt als erfolgreich, wenn nach der Eradikationsbehandlung jeweils 3 Abstriche an 3 aufeinander folgenden Tagen von allen zuvor positiven Lokalisationen negativ sind (erster Abstrich frühestens 3 Tage nach der Eradikationsbehandlung).
